St. Peter – so fing es damals an
125 Jahre St.-Peters-Gemeinde: Wer weiß denn eigentlich noch, wie alles begann? Genaue Auskunft gibt die Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Gemeinde.
Trotzdem soll auch in diesem Büchlein eine kurze Zusammenfassung der vergangenen Ereignisse zu lesen sein.
Manchmal, da müssen wir uns unserer Liebe vergewissern, aber nur der, der loslassen kann, kann auch wirklich lieben.
In diesem Sinne erinnern wir uns heute unserer Vergangenheit: Wir bringen all unsere Liebe in Hinblick auf diese Gemeinde zum Ausdruck, aber damit geben wir sie auch frei, für alles, was noch kommen kann. Wir pressen sie nicht in eine Form, legen sie damit endgültig fest. “Uns ist noch nicht erschienen, was wir sein werden…” (1.Joh. 3,2)
Die Geschichte unserer Gemeinde beginnt – und an dieser Stelle ist es schön, sie über die Festschrift aus dem Jahre 1989 ergänzen zu dürfen, - bereits schon mit all den Menschen, die der Wiege der Menschheit in diesem Land entwachsen sind und mit all denen, die später dazu kamen.
Die ersten Deutschen erreichten das Kap bereits im 17. Jh. mit Jan van Riebeeck. Als später in der neugegründeten Hauptstadt des Landes Transvaal – Pretoria – viele zusammenkamen, die sich von den Goldfunden im Osttransvaal und Witwatersrand eine Verbesserung ihrer Existenz versprachen, fühlte sich der Berliner Missionar Knothe verantwortlich für die Übernahme der spirituellen Betreuung für jene. Deshalb setzte er sich dafür ein, dass in Pretoria Missionsarbeit beginnen konnte. Sein Schwerpunkt: Die Bereitstellung von verschiedenen Bildungsangeboten und medizinischer Hilfe für die schwarze Bevölkerung.
Dafür wurde ihm 1886 Missionar Friedrich Grünberger zur Seite gestellt, der ebenfalls von der Berliner Mission entsandt wurde. Als Grund für die notwendig gewordene Unterstützung durch einen Mitarbeiter konnte Knothe anführen, dass er sich nebenamtlich der geistlichen Versorgung der wachsenden Zahl von deutschen Zuwanderern widmete.
Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, zwischen welche Stühle sich Missionar Knothe mit seinen Vorstellungen von einem aufrechten christlichen Leben begeben hatte.
Schließlich aber siegte die Achtung aller Seiten gegenüber den fremden Missionaren, die sich mit der Zeit durch ihre ganz hervorragende Art der homöopathischen Behandlung in allen Bevölkerungsschichten – bis zum Präsidenten Paul Krüger selbst – gehörigen Respekt erworben hatten.
Im Jahr 1866 gab es am Südrand der Siedlung Pretorias, da wo heute der “Burgerspark” liegt, eine Berliner Missionsstation, sechs Bauplätze groß. Eine winzige Kapelle aus Baumstämmen und Zweigen gefertigt, mit einem Grasdach oben drauf, war auf dem Areal zu finden. Daneben stand ein armseliges Missionshaus mit externer Kochstelle. Auf dem Gelände hatten sich viele Schwarze angesiedelt, die Christen geworden waren. Der Platz reichte für alle diejenigen, die weiter dazu kamen, nicht mehr aus.
Das war der Grund dafür, dass die Missionsgemeinde im März 1870 auf den “Schulplatz” an der Boomstrasse umsiedelte. Missionshaus und Kirche blieben allerdings an ihrem alten Ort, am Burgerspark.
Dass es am 28. Juni 1889 schließlich zur Gründung einer “Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde” kam, ist sicher in Zusammenhang mit all den Zusammenschlüssen von Deutschen zur Förderung von sportlicher Aktivität, Kultur und sozialem Engagement zu sehen. Warum nicht auch in verfasster (konstitutioneller) Form gemeinsame, spirituelle Ziele verfolgen? Es ist festzustellen, dass alle “deutschen” Vereine und Bünde, in ihrer Zeit jeweils in ihren Aktivitäten in Wechselwirkung mit der Gemeinde standen.
Zudem hatte Friedrich Grünberger für sich – wie sein Vorgänger Knothe – neben der Betreuung seiner Missionsgemeinde die Aufgabe erkannt und angenommen, sich für die Deutschen am Ort verantwortlich zu fühlen.
Grünberger berichtet selbst, er habe seit 1872 in der kleinen Missionskirche für diesen Personenkreis eine Predigt auf Deutsch gehalten. Der Gottesdienstbesuch war nicht immer berauschend. Aber, so schreibt Grünberger später nach Berlin: dadurch dass fast alle Branntweinschenken in der Stadt von Deutschen besetzt seien, berauschten sie sinngemäß die Schwarzen durch illegalen Branntweinverkauf und arbeiteten der Mission entgegen.
Die Gemeinde wuchs trotz der steigenden Zahlen deutscher Immigranten und Zuzügler aus anderen deutschsprachigen Gemeinden aus dem Land nicht, weil, so vermutet Grünberger, viele sich scheuten, das Gotteshaus mit der Missionsgemeinde, die andere Wurzeln hatte, zu teilen. Die katholische Kirche hatte in Pretoria zwei Priester stationiert, um die mit dem lutherischen Bekenntnis zu “pastorieren”.
Welche Gründe Grünberger am Ende auch immer dazu bewogen haben mögen: Er bat schließlich um die Entlassung als “Stationsmissionar”, um nur noch Pfarrer der Deutschen sein zu können. Man kann nur staunen, wie schnell dann
auch ein neuer Kirchbau fertig gestellt werden konnte. Pastor Friedrich Grünberger hatte aus seinem Besitz eine Schenkung an die neu gegründete Gemeinde in Form eines Bauplatzes gemacht. Dieser befand sich an der Ecke der früheren Skinner- und van der Walt Street.
Auf diesem Grundstück befindet sich unsere Kirche heute noch. Allerdings in Form eines Neubaus, der 1965 eingeweiht werden konnte. Im Jahr 2015 darf die St.-Peters- Gemeinde also wieder ein Jubiläum feiern, diesmal ein 50stes. Es darf ja auch ganz anders als in diesem Jahr begangen werden…
Die im Jahr 1889 in Pretoria gegründete Gemeinde verstand sich als eine Gemeinde lutherischen Bekenntnisses. Das hat bis heute einen Einfluss auf die Liturgie, Frömmigkeit, Gemeindetradition und natürlich auch auf die Art, wie gepredigt wird. War sie anfangs des 20. Jh. zunächst noch Mitglied der Preußischen Landeskirche (Deutschland), hat sie sich im Laufe der Zeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Südlichen Afrika angeschlossen.
Die Geschichte der Gemeinde wurde jeweils auch von historischen Umständen geprägt. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, den gesamten Verlauf südafrikanischer Geschichte darzustellen, um ihn mit unserer Gemeindegeschichte in Verbindung zu bringen, wenn das sicher auch eine lohnenswerte Aufgabe wäre.
Was immer dabei herauskommt, darüber können die etwas sagen, die das Leben dieser Gemeinde all die Jahre in dankenswerter Weise mitgetragen und mitgestaltet haben. Der Zusammenfassung dieser Zusammenfassung steht es nur zu, einige Beobachtungen zusammenzutragen und vielleicht auch Fragen zu stellen. Das geschieht im Folgenden.
In der 1989 veröffentlichten Festschrift ist ein Abschnitt mit der Überschrift: ”Die Mission geht der Kirche voran” versehen, was gewiss auf die Entscheidung Grünbergers, sich in Zukunft den “Deutschen” zu widmen, zu beziehen ist. Bei allem zeitlich zu bewertendem “vor” und “nach”: Ist es nicht die Aufgabe der Kirche an sich, missionarisch zu sein, um überhaupt eine Kirche zu sein?
Die geneigte Leserin und der geneigte Leser haben die Hindernisse wahrgenommen, die ehemalige Missionsgemeinde und dazu gekommene Immigrantinnen und Immigranten nicht eine Gemeinde haben sein lassen. Kann es das um Gottes Willen geben, dass Menschen verschiedener Wurzeln nicht eine Gemeinde sein können? Was sind unsere Angebote an die Menschen heute? Was können wir den Menschen eigentlich für ihr Leben mitgeben? Wie können wir sie aufrichten und stärken, damit sie keiner aus Lebensbereichen ausschließt? Suchen wir sie oder müssen sie uns finden? Was sind eigentlich unsere Kompetenzen, mit denen wir uns Respekt erwerben können, damit auch wir Zeichen setzen können in dieser Welt – um Gottes willen?
